Von 100 Selbsthilfegruppen in Deutschland arbeiten 92 ausschließlich analog. In einer digitalen Gesellschaft. 2025.
Was läuft hier eigentlich schief?

Ein System im Standby-Modus

Die Zahlen sprechen eine klare Sprache: Nur 8 % aller Selbsthilfegruppen in Deutschland nutzen digitale Formate – davon gerade einmal 3 % rein digital, weitere 5 % hybrid. Das ist kein Fortschritt. Das ist ein Notbetrieb. Während nahezu jede Branche, jede Dienstleistung, jede Kommunikation längst im digitalen Raum stattfindet, verharrt die Selbsthilfe weitgehend im Prä-Corona-Zustand – mit Ausnahme einiger Leuchtturmprojekte.

Das ist kein harmloser Trend. Das ist ein strukturelles Risiko für Teilhabe, Chancengleichheit und die Relevanz der Selbsthilfe im Gesundheitssystem der Zukunft.

Selbsthilfe als Dinosaurier im digitalen Zeitalter?

Selbsthilfe ist kein Luxus. Sie ist für viele Menschen Lebensader, Schutzraum, Empowerment-Infrastruktur. Umso dramatischer ist die Erkenntnis, dass ein großer Teil dieser Infrastruktur für Menschen mit Behinderung, mit psychischen Erkrankungen, für einsame Angehörige oder für chronisch Erkrankte digital unsichtbar bleibt.

Wie bitte? Eine digitale Selbsthilfegruppe für Endometriose, für ME/CFS, für Long COVID – in Deutschland oft nur über drei Ecken auffindbar. In sozialen Medien versteckt. Nicht indexiert. Nicht professionell unterstützt.

Dabei zeigt sich gerade in diesen Communitys das Potenzial: geschlossene Facebook-Gruppen mit tausenden aktiven Mitgliedern, spezialisierte Apps mit hoher Nutzerzufriedenheit, flexible Online-Meetings ohne Wartezeiten.

Und doch bleibt das System in der Fläche nahezu offline.

Digitale Angebote sind nicht die Zukunft – sie sind die Gegenwart

Die These, dass „Menschen den persönlichen Kontakt brauchen“, ist kein Argument gegen digitale Formate. Es ist ein Plädoyer für hybride Strukturen. Denn der Bedarf nach Kontakt und Struktur lässt sich auch digital sicherstellen – niederschwellig, anonym, barrierearm. Es geht nicht um „entweder oder“, sondern um „sowohl als auch“. Wer in ländlichen Regionen lebt, mobilitätseingeschränkt ist oder aus Angst vor Stigmatisierung nicht zu Präsenzgruppen geht, wird durch rein analoge Systeme systematisch ausgeschlossen.

Und genau das passiert gerade.

Stell dir vor, du brauchst Hilfe – und Google findet nichts

Selbsthilfe darf nicht länger davon abhängig sein, dass jemand zufällig die richtige Broschüre findet. Dass man die richtige Person am Telefon hat. Dass man in der Stadt wohnt, in der sich einmal die Woche ein Stuhlkreis trifft.

Digitale Präsenz ist kein Add-on. Sie ist Teilhabe. Sichtbarkeit. Lebensqualität.
Und das nicht irgendwann. Jetzt.


Digitale Selbsthilfe ist mehr als Zoom und WhatsApp

Was digitale Selbsthilfe leisten kann, ist längst bekannt und empirisch belegt:

  • 94 % Zufriedenheit in digitalen Gruppen wie Groupera

  • Zugang zu anonymem Austausch – besonders bei stigmatisierten Themen wie Sucht, Essstörungen, Depression

  • Erreichbarkeit von Zielgruppen, die sich nie in einen klassischen Gruppenraum trauen würden

  • Flexibilität bei Krankheit, Familie, Beruf

  • Reaktionsgeschwindigkeit auf neue Gesundheitslagen (Long COVID, Post-Vac-Syndrom)

Dennoch wird digitale Selbsthilfe vielerorts wie ein exotischer Nebenschauplatz behandelt. Als Provisorium. Als Notlösung. Oder schlimmer: Als Risiko.

Die größte Bedrohung der Selbsthilfe ist nicht die Digitalisierung – sondern ihre Verweigerung

Klar: Es gibt berechtigte Hürden. DSGVO. Digitale Spaltung. Überforderung im Ehrenamt. Aber all diese Herausforderungen sind gestaltbar, lösbar, fördertauglich.
Was nicht lösbar ist: Die Ignoranz gegenüber gesellschaftlichem Wandel. Der Rückzug ins Analoge. Die systematische Überforderung der Ehrenamtlichen mit Rechtsvorgaben, ohne ihnen gleichzeitig digitale Werkzeuge und Unterstützung an die Hand zu geben.

Es ist paradox: Eine digitale Selbsthilfegruppe muss dieselben Datenschutzstandards erfüllen wie eine Klinik. Nur ohne Juristen, ohne IT, ohne Geld.

Was wir dringend brauchen: radikale Reformen statt halbherzige Pilotprojekte

Es reicht nicht, wenn einmal im Jahr eine digitale Plattform präsentiert wird. Oder wenn die Hälfte der Fördertöpfe in PDFs versteckt bleibt. Wir brauchen ein Umdenken – auf allen Ebenen.

5 Dinge, die sofort passieren müssen:

  1. Förderlogik digitalisieren: Digitale Gruppen brauchen niedrigschwelligen Zugang zu Förderung, Software, Infrastruktur. Nicht nur analog, nicht nur papierbasiert. Sondern: schnell, sicher, digital.

  2. Datenschutz entschärfen: Das Prinzip der Verhältnismäßigkeit muss gelten. Ehrenamtliche dürfen nicht durch juristische Komplexität zur Untätigkeit gezwungen werden.

  3. Digitale Kompetenz fördern: Schulungen, Peer-Learning, einfache Handreichungen – und zwar für alle Beteiligten, von Gruppenleitung bis Verwaltung.

  4. Struktur sichtbar machen: Alle digitalen Gruppen müssen über zentrale, auffindbare Plattformen sichtbar und filterbar sein. Google, nicht nur NAKOS.

  5. Hybride Angebote institutionalisieren: Wer heute rein analog arbeitet, ist morgen nicht mehr anschlussfähig. Es braucht Pflicht-Komponenten für digitale Erreichbarkeit – mindestens als Backup.


An die Entscheider*innen: Wenn ihr Selbsthilfe ernst nehmt, dann digitalisiert sie

Wir schreiben das Jahr 2025. Die Welt vernetzt sich in Echtzeit. Gesundheitsversorgung wird hybrid. Patient*innen erwarten Zugang per App.

Und in der Selbsthilfe?

92 % der Gruppen treffen sich ausschließlich vor Ort

Das ist keine Statistik. Das ist ein politisches Versäumnis. Es ist ein Aufruf zum Handeln.


Und an die Gruppen selbst: Ihr habt mehr Macht, als ihr denkt

Die digitale Selbsthilfe braucht nicht auf „die Politik“ zu warten. Sie braucht nicht auf das perfekte Tool zu warten. Sie braucht: Euch.

  • Fangt an mit Zoom, Jitsi, Signal – es muss nicht perfekt sein.

  • Macht Eure Gruppen auffindbar – auch auf Instagram, nicht nur auf flyern.

  • Versteht digitale Räume als Teil Eurer Verantwortung – nicht als Konkurrenz zum Altbewährten.

  • Und vor allem: Sprecht drüber. Zeigt, dass Selbsthilfe auch 2025 mutig, modern und relevant sein kann.

Denn eins ist klar: Wenn wir digitale Selbsthilfe nicht ernst nehmen, dann tut es das System auch nicht.


Fazit: 8 % sind keine Zahl. Sie sind ein Symptom.

Ein Symptom für Überforderung, Angst, Trägheit – und mangelnde Vision.

Aber auch ein Aufruf. Denn was heute noch als Ausnahme gilt, wird morgen Standard sein.
Ob mit oder ohne euch, wird sich zeigen.

Also: Schaltet euch ein. Zeigt euch. Organisiert euch. Digital. Jetzt.

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